Großveranstaltungen

Ein Beitrag erschienen in der Kölnische Rundschau unter https://www.rundschau-online.de/28615238

Großveranstaltungen in der Arena: „Die Leute kommen mit offenen Taschen“

Köln – Konzerte, Eishockey, Karneval: Bernd Belka (55)  kennt sich mit  Großveranstaltungen aus. Er ist Sicherheitschef der Lanxess Arena. Er sammelte internationale Erfahrungen als Personenschützer, in der Tourneebegleitung und in der Sicherheitskoordination von großen Events. Jennifer Wagner sprach mit ihm über die Anforderungen an die Branche.

Was müssen Sie bei Einlasskontrollen für große Hallen wie der Kölner Arena beachten?

Man muss kalkulieren, dass man in der vorgegebenen Einlasszeit ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der angesetzten Kontrollstufe nach verbotenen Gegenständen und der Menge der einzulassenden Personen erreicht. Zielsetzung ist hier, dass alle Gäste zu Showbeginn in der Arena sind. Die Menschen müssen durch sogenannte Personenvereinzelungsanlagen, wo wir dann nach verbotenen Gegenständen kontrollieren und die Tickets entwerten. Da muss jeder einzeln durch.

Wird die Einlasszeit der Besucheranzahl angepasst?

Nein, die Einlasszeit nicht, aber die Anzahl der Personenvereinzelungen. Die Einlasszeit bleibt eigentlich immer gleich. Gerade an einem Wochentag bringt es nichts, die Zeit nach vorne zu verlegen, weil viele Gäste noch arbeiten müssen. Es hat sich mehr oder weniger automatisiert, die Einlass Zeit auf zwei Stunden in unserer Arena festzulegen. Für dieses Zeitfenster sollten so viele Anlagen installiert werden, dass die Gäste mit der gewählten Kontrollstufe pünktlich in die Arena kommen.

Wie unterscheiden sich die verschiedenen Kontrollstufen?

Wir definieren fünf Kontrollstufen: Stufe 1 beschreibt nur die Ticketentwertung. Bei Stufe 2 wird das Ticket entwertet und jede mitgebrachte Tasche kontrolliert. In Stufe 3 werden zusätzlich Jacken- und Hosentaschen kontrolliert und bei 4 auch der Oberkörper. Bei Stufe 5 wird der gesamte Körper systematisch nach verbotenen Gegenständen kontrolliert. Die Kontrollstufen 2 bis 5 können auch mit Handsonden durchgeführt werden.

Welche Stufe wird meistens angewandt?

Durch die abstrakte Bedrohungslage wenden wir heute höhere Kontrollstufen an als früher. Meist werden die Stufen 3 oder 4 installiert.

Wonach entscheiden Sie, welche Kontrollstufe Sie anwenden?

Zunächst achten wir auf die Charakteristika des Publikums: Wer kommt? Ist das ein älteres, erwachsenes Publikum? Oder eher trinkfreudig? Oder ein sehr junges Publikum? Bei letzterem spielt neben der Sicherheit auch die Unterstützung und Hilfeleistung eine größere Rolle. Aus diesen Informationen wird mit dem Veranstalter die Kontrollstufe festgelegt.

Das heißt, bei einem Phil Collins-Konzert wird weniger kontrolliert als bei der Lachenden Kölnarena?

Zum Teil. Wobei viele internationale Künstler ihre Sicherheitsvorgaben definieren. Diese gelten dann für die gesamte Tour und müssen von uns beachtet und umgesetzt werden.

Wie unterscheidet sich ein Arena-Check von der Überprüfung bei Festivals wie Rock am Ring?

Eigentlich gar nicht. Die Charakteristika der Stufen unterscheiden sich nicht. Bei Rock am Ring oder auch anderen Festivals wird das genauso so gemacht wie in Hallen – nur, wenn die Besucher das Veranstaltungsgelände verlassen und wieder betreten dürfen, wie das bei Festivals der Fall ist, werden sie jedes Mal wieder entsprechend der Stufe kontrolliert. Das ist dann wie ein Kreislauf. Bei der Ein-Tages-Veranstaltung in der Arena ist das nicht so. Wenn sie die Arena verlassen, erlischt die Gültigkeit des Tickets.

Sie betreuen auch Veranstaltungen wie die Kölner Lichter. Wie unterscheiden sich solche Events für Sie?

Bei den Kölner Lichtern gibt es keine abgegrenzte Veranstaltungsfläche. Die Stadt ist die Veranstaltung, es ist mit größeren Personenströmen zu rechnen. Nach Beendigung des Feuerwerks bewegen sich große Menschenmengen in Richtung Bahnhof und Altstadt. Da geht es mehr um die Beobachtung und Lenkung der Menschenströme. Natürlich wollen wir auch keine Stolperfallen am Rheinufer, wie Stehtische oder Bierbänke – das sind Prämissen, auf die wir achten.

Gibt es Besonderheiten beim Thema Sicherheit, die es nur in Köln gibt?

Ja, die schon erwähnte Lachende Kölnarena. Jeder kann dort seine Speisen und Getränke mitbringen. Das ist eine Ausnahme in der Veranstaltungsroutine, wobei ich den Gästen ein großes Kompliment machen muss: Da wird wirklich vieles mitgebracht, was sonst nicht in der Arena erlaubt ist. Trotzdem werden nicht mehr Vorfälle als sonst registriert.

Gibt es denn Veranstaltungen, bei denen Sie immer noch ein wenig aufgeregt sind?

Aufgeregt nicht, aber jede Veranstaltung ist in gewissem Maß eine Premiere. Man hat immer unterschiedliches Publikum und vieles ist anders als bei der letzten Veranstaltung. In der jüngeren Vergangenheit war die Eishockey-WM in der Lanxess Arena. Es gab zwei bis drei Spiele pro Tag, wofür ich ein Crowd-Management Konzept installiert habe, dass den abfließenden und ankommenden Publikumsströmen Rechnung tragen musste. Diese dynamischen Personenbewegungen verlangten hochkoordinierte Handlungsabläufe.

Wie hat sich denn Ihre Arbeit in den vergangenen zehn Jahren konkret verändert?

Ein Wendepunkt ist das Loveparade-Unglück 2010 in Duisburg gewesen. Seitdem arbeiten wir viel bewusster, wenn wir große Menschenmengen erwarten. Und die abstrakte Bedrohungslage, die uns leider ständig begleitet – das sind die zwei großen Veränderungen, die ich feststelle. Sie bieten aber auch Chancen. Wir müssen intensiver schulen, weil darauf auch viel Wert gelegt wird.

Erwarten die Besucher mittlerweile stärkere Kontrollen beziehungsweise akzeptieren sie sie mehr?

Ja, definitiv. Die Leute kommen mit offenen Taschen und wollen kontrolliert werden. Manche beschweren sich sogar, warum denn derjenige vor ihnen intensiver kontrolliert wurde als sie selbst. Da kommen Fragen.

Ein Mitarbeiter kann also individuell entscheiden, wie stark jemand kontrolliert wird?

Ja, mehr Kontrolle geht immer – weniger als die festgelegte Stufe aber nicht. Hier spielt die individuelle Erfahrung des Kontrollierenden eine tragende Rolle. Wenn zum Beispiel eine auffällige Person ansteht, kann der Mitarbeiter diesen Gast stärker kontrollieren. Auch bei Gruppen gibt es eher die Möglichkeit, dass dort etwas versteckt wird – was diejenigen dann in die Arena bringen wollen. Diese Flexibilität in der Kontrolle gestehe ich meinen Mitarbeitern zu.

Wie gehen Sie mit dummen Sprüchen am Einlass um?

Dumme Sprüche hören wir natürlich nicht so gerne. Aber grundsätzlich haben wir eine hohe Reizschwelle. Wenn wir bei jedem Spruch intensiver kontrollieren würden, kämen wir nie zum Ende.

Warum lassen viele Veranstalter nur noch kleine Taschen zu?

Zu allererst bergen größere Taschen natürlich ein größeres Risiko. Die Veranstalter wollen aber auch umgehen, dass größere Taschen oder Rucksäcke liegen gelassen werden. Stellen Sie sich vor, Sie gehen zur Toilette oder etwas essen oder trinken – dann wird der Rucksack eher zurückgelassen als eine kleine Handtasche. Kann dann ein Gegenstand von Gästen nicht zugeordnet werden, könnte dies zu einer Unterbrechung der Veranstaltung führen.

Bei Rock am Ring gab es die Regelung, nur kleine Wasserflaschen mitnehmen zu dürfen. Was hat es damit auf sich?

Ja, man durfte nur leere Flaschen mitnehmen, die man zusammenfalten konnte. Diese flexiblen Behältnisse stellen auch gefüllt keine gefährlichen Wurfgeschosse dar. Außerdem waren Wasserabgabestellen im gesamten Gelände ausgeschildert.

Glauben Sie, dass es in näherer Zukunft noch strengere Einlassregeln gibt?

Im Moment haben wir ein Level erreicht, das der aktuellen Situation gerecht wird. Aber wir haben auch schon Metall-Handsonden eingesetzt. Natürlich gibt es die Möglichkeit auf Verlangen vor Veranstaltungsbeginn sensible Bereiche mit Sprengstoffhunden absuchen zu lassen – was übrigens auch von einigen Künstlern eingefordert wird.